Notate

Eine Auswahl aus dem Band Harte Kerne, der Notate und Aphorismen enthält.

Unter und über Menschen

Erfurt, Europaplatz
Die Straßenbahn steht an der Endstation, und alle Passagiere sind längst ausgestiegen. Plötzlich stürmt ein etwa 16-Jähriger aus dem letzten Wagen und dreht sich im Rennen noch mehrmals hektisch um. Im Hollywoodfilm müsste jetzt eine Bombe explodieren. Aber nichts passiert, die Bahn setzt sich in Bewegung, fährt um die Wendeschleife und verschwindet unversehrt in Richtung Stadt. Was ist – objektiv betrachtet – vorgefallen? Nichts! Ein minderjähriger Täter, der sofort die Flucht ergriff, aber keine Tat. Statt dessen ein paar Zeugen, deren Verdacht enttäuscht, deren rechtschaffene Aufmerksamkeit genarrt wurde. Dies ist die Tat. (S. 24)

Wörtlich

„Schizophren“ statt irre, „rudimentär“ statt verkümmert, „tangentieren“ statt berühren oder betreffen usw. Auf eine hässliche Art und Weise durchdringt der Wissenschaftsjargon die Sprache. Jedes überflüssige Fremdwort – auch das absichtslos ausgesproche – klingt görenhaft angeberisch wie der Satz: „Schau mal, was ich heute in der Schule gelernt habe.“ (S. 29)

Kein Opium

Vom vulgären Atheismus, wie er zum Beispiel unter Ostblock-Aphoristikern üblich war, distanziert man sich entweder durch eine kluge Religiosität oder einen schweigsamen Unglauben. Mir liegt letzteres näher. Atheist sein und trotzdem die Fresse halten: Das ist eine Form von Demut, die weiß, dass jedem Hochmut die Strafe auf dem Fuße folgt. Immer werden solche Leute von einem herabfallenden Dachziegel erschlagen, die zuvor Witze über Gott oder die ihm heute zur Rechten sitzenden Stellvertreter, Zufall und Schicksal, gerissen haben.
Alle drei Götter darf man nicht lästern, man muss sie vielmehr besänftigen: den lieben Vater im Himmel mit Gebeten, den Zufall mit Statistik und das Schicksal mit einem vorsorglichen Aberglauben, demzufolge man es „nicht drauf ankommen lassen“ dürfe. (S. 38)

Triumph des Wissens

Wer heute den Teufel sieht, wird nicht als Seher gefeiert, sondern „eingewiesen“ – im doppelten Wortsinn. Luther, der zu seinem und unserem Glück lange vor Erfindung der Psychiatrie lebte, durfte noch das Tintenfass werfen. (S. 43)

Schwarz, rot, beige

Bin ich auf einen Menschen stolz, so wehrt er sich, weil dies für ihn eine Zudringlichkeit oder auch eine Aufforderung bedeutet, das zu bleiben, was er möglicherweise nicht oder nicht mehr sein möchte. Auf mein Land kann ich stolz sein, ohne dass es sich dagegen sträubt. Patriotismus ist Angst vor Ablehnung, ist eine seelische Vorsichtsmaßnahme. (S. 53)

Markträumung

Open Source
Mehr noch als die Autarkie fürchten die „Verantwortlichen“ in Politik und Wirtschaft das Geschenk. Mir geht es nicht um Probierpackungen und sonstige zum Köder ‚abgespeckte’ Geschenke, sondern um das nicht-kalkulierte, das die schäbige „Verkettung der Tauschakte“ (Adorno[ 1 ]) zerreißt. Das echte, interesselose Geschenk ist der ökonomische Super-GAU. (S. 65)

Innengang

In einem verlassenen Haus beobachtet man Erstaunliches. Das fensterlose Badezimmer, das immer zu dunkel war, jetzt mit Mauerdurchbruch zum Flur und in einem Licht, das es nie kannte. Ein Spatz, ertrunken im Abbeizer. Die Ziegel, erst zwei oder drei Jahre auf dem neuen Dach, nun für Ewigkeiten auf einer aufgeschlitzten Matratze. Der herausgerissene Ofen, die Asche im Waschbecken, der Heizkörper auf der Treppe... Erst wenn sich alles am unmöglichen Ort, in nicht vorgesehener Lage befindet, ist ein stabiler Zustand erreicht. Das ist die Dialektik des Vandalismus: Er zerstört, um zu konservieren. (S. 94)

Falschspieler

[...]

Eigenmächtig

In einem Buch entdeckte ich eine Randbemerkung, die ich vor etwa zehn Jahren hineingeschrieben haben muss. Obgleich jene banal ist, hatte ich sie, dem Schriftbild nach, mit Entschiedenheit notiert. An meine damaligen Gedanken kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Notiz ist mir heute um genau diese Gedanken voraus; dank der Fremdheit des Nichtwiedererkennens traue ich ihr allumfassendes Wissen zu. Aber es ist nicht nur das. Mich reizt auch der Kitzel des Unberechtigten: Damals war ich noch ein ganz anderer, und jetzt habe ich zu mir Kontakt aufgenommen wie zu einem Verstorbenen, ja mit derselben nekromantischen Lust und Neugier. (S. 107)

[ 1 ] „[...] Ihr sicherstes Kennzeichen ist die Eile, für empfangene Aufmerksamkeiten sich zu ,revanchieren’, um nur ja in der Verkettung der Tauschakte, bei denen man auf seine Kosten kommt, keine Lücke entstehen zu lassen. [...]“ – Reflexion Nr. 15, betitelt mit Le Nouvel Avare. In: Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001 (Jubiläumsausgabe), S. 49.

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